Seniorenberatung – Beratung Älterer – Beratung im dritten Lebensabschnitt
(Jahresbericht 2002)
Schon bei der Suche nach einer Überschrift ist es sehr schwer einen passenden, akzeptablen Namen für die Gruppe von Ratsuchenden zu finden, denen wir hier besondere Aufmerksamkeit widmen wollen. Sehr schnell trifft man bei den Betroffenen auf Ablehnung, wenn die Rede auf das Altern kommt. Das hat vor allem gesellschaftliche Ursachen. Gerade in den letzten Jahren verschärfen sich die Konflikte, die mit dem Älterwerden verbunden sind.
Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland liegt zwischen 72,8 (Männer) und 79,3 (Frauen) Jahren. Der Ausstieg aus dem Erwerbsleben hat sich für viele inzwischen bis vor das 60. Lebensjahr verschoben. Sinkende Kinderzahlen führten dazu, dass schon vor dem 50. Lebensjahr der Eltern in der Regel alle Kinder aus dem Haus sind. Diese Entwicklungen haben einen neuen Lebensabschnitt entstehen lassen, den es bisher so nicht gab. Zwischen Berufstätigkeit und Hochaltrigkeit spricht man auch vom „Dritten Lebensalter“ oder den jungen Alten. Die Situation dieser Menschen zeichnet sich dadurch aus, dass sie von beruflichen und familiären Verpflichtungen weitgehend befreit sind.
Im Vergleich zur vorigen Generation sind die heute 60 – 75 jährigen besser gebildet, von besserem Gesundheitsstand, haben mehr finanzielle Ressourcen und den Wunsch, diesen Lebensabschnitt aktiv und lustvoll zu gestalten. Dabei spielen Unabhängigkeit und das Bewusstsein von Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten eine besondere Rolle. Frauen setzen sich meist schon mit dem Eintreten der Menopause mit ihren Vorstellungen vom Altern auseinander. Bei Männern ist oft erst das Ausscheiden aus dem Berufsleben der Anlass, sich Gedanken über die Veränderungen in der Zukunft zu machen. Das bedeutet auch, dass innerhalb einer Partnerschaft die Beschäftigung mit dem Altern durchaus nicht parallel, sondern geschlechtsspezifisch sehr unterschiedlich gelebt werden kann.
Das „vierte Lebensalter“ hingegen ist mehr und mehr durch altersbedingte körperliche und psychische Beeinträchtigungen geprägt. Die Menschen werden zunehmend hilfsbedürftig und fürchten oft, in Abhängigkeit von Angehörigen oder professionellen Pflegedienstleistern leben zu müssen.
Wir wollen uns hier mit Personen im „Dritten Lebensalter“ beschäftigen und der Frage nachgehen ob sie mit unseren Beratungskonzepten adäquat versorgt werden und wo Erweiterungen sinnvoll sind.
Seit Beginn der 90er Jahre haben wir eine stetig steigende Zahl von Ratsuchende im dritten Lebensalter. Signifikant und dramatisch erlebten wir die Auswirkungen der Vorruhestandsregelungen von Volkswagen. In dieser Zeit entstand die „Jungseniorenbewegung“ in Wolfsburg und dank vieler Anstrengungen und Initiativen ist es weitgehend gelungen, diese plötzliche Krise in konstruktive Bahnen zu lenken, wovon nachfolgende Vorruheständler jetzt profitieren. Sehr deutlich wurde dadurch für uns aber auch die Notwendigkeit, uns vermehrt mit Lebenskrisen des höheren Lebensalters zu befassen. Mit der Geschichte Wolfsburgs und seinem schubweisen Wachstum in der Nachkriegszeit hängt es zusammen, dass jetzt eine große Gruppe der Aufbaugeneration gemeinsam „in die Jahre kommt“.
Ältere therapeutische Konzepte, die ein lineares körperliches und geistiges Wachstum mit einem Endpunkt der seelischen Entwicklungsfähigkeit jenseits des 50. Lebensjahres annahmen, tragen nicht. Vielmehr gehen wir in Übereinstimmung mit aktuellen psychoanalytischen Konzepten davon aus, dass wir es in unserer Beratung mit lebenslanger Entwicklung und für die jeweilige Lebensphase typischen Entwicklungsaufgaben zu tun haben. Menschen kommen aufgrund ihrer individuellen Geschichte manchmal an Grenzen dessen, was sie aus eigener Kraft bewältigen können. Charakteristische Wachstumsaufgaben im dritten Lebensalter sind z.B.
Beispiele aus der Praxis:
Durch eigene Fortbildung haben wir uns besonders folgenden Aspekten gewidmet:
Beratung und Therapie älterer Menschen unterliegt sowohl in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wie auch in Fachkreisen noch immer dem Vorbehalt, ob denn Probleme und Konflikte im Alter überhaupt lösbar seien, oder man sich nicht vielmehr mit Ihrer Unveränderlichkeit abfinden müsse.
Nach unserer Erfahrung können wir mit denselben Methoden der Beratungsarbeit wie sonst auch zu guten Erfolgen kommen. Es ist aber hilfreich und lohnend, sich einige Besonderheiten vor Augen zu führen.
In der Regel wird zwischen BeraterIn und KlientIn ein größerer Altersunterschied liegen. Er kann durchaus 20 Jahre und mehr betragen. Noch stärker als sonst sind daher die eigenen Annahmen über den Lebenshintergrund der Ratsuchenden zu hinterfragen. Was weiß ich über die soziale Wirklichkeit der in den 20er, 30er oder 40er Jahren geborenen. Krieg, Verfolgung, Verschleppung, Flucht und Vertreibung haben das Leben mehrerer Generationen unmittelbar geprägt. Die Folgen können bis in die aktuellen Konflikte hinein wirksam sein.
Beispiele aus der Praxis:
Bei der Arbeit mit Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen müssen die vertrauten Dimensionen der Eltern/Kind Ebene erweitert werden auf mehrere Generationen.
Eigene Erfahrungen mit Älteren aus dem gesamten Lebenslauf (Kindheit und Erwachsenenzeit) gehen in die Arbeit ein. Kann ich auf positive Erinnerungen zurückgreifen? Welche eigenen Normen und Wertvorstellungen leiten mich beim Umgang mit Älteren? Welche Wünsche oder Konflikte aus dem Leben z.B. mit den eigenen alten Eltern werden in der Beratung berührt? Eine besondere Falle kann z.B. das unbewusste Bündnis der Enkel – und Großelterngeneration gegen die von beiden als versagend oder bevormundend erlebte Elterngeneration sein.
Die Arbeit mit Älteren ist spannend und bereichernd. Wir werden in Zukunft unsere Aktivitäten in diesem Bereich verstärken. Präventiv soll in Vorträgen und Seminaren die Möglichkeiten psychologischer Beratung im dritten Lebensalter aufgezeigt werden. Dazu ist eine Kooperation mit dem Seniorenbüro der Stadt, dem Seniorenring Wolfsburg und der Volkshochschule angebahnt. Eine Biographiegruppe für ältere Frauen ist in Planung. Ansprechpartnerin für weitere Fragen und Projekte ist Dipl.Psych. Gabriela Samel.
G. Samel
Beratung bei Gewalt in der Ehe und Familie (Jahresbericht 2001)
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In unserem Arbeitsbereich begegnen wir immer wieder Einzelnen, Paaren oder ganzen Familien, die in ihrer Ehe oder Partnerschaft Gewalt erleben. Sie suchen uns in ihrer Verzweiflung auf, weil sie Auswege aus der Gewalt suchen. Im folgenden will ich kurz spezifische Probleme und Chancen dieser Beratung vorstellen.
Die Beratungsstelle arbeitet im „Arbeitskreis zur Bekämpfung der Gewalt im häuslichen Bereich“ mit.
Zielgruppe Wir beraten Täter und Opfer.
Wir richten unser Angebot an Einzelne, Paare und Familien, für die Gewalt zu einem gängigen Modus der Konfliktbewältigung geworden ist oder zu werden droht: Also beispielsweise an Frauen, die sich trotz großer Anstrengungen von einem prügelnden Ehemann nicht lösen können oder an Männer, die immer wieder zuschlagen, obwohl sie sich ändern wollen.
Wer ist Täter, wer ist Opfer? Oder die Täter – Opfer Kipp – Dynamik.
Wenn man konkreter Gewalt begegnet, sind die Reaktionen in unserer Gesellschaft und in jedem Einzelnen von uns ähnlich: Das Gewaltgeschehen führt häufig zur Verdrängung (dem Weggucken), zur Verharmlosung oder Verleugnung oder auch zur bloßen Empörung über die Täter. Oft kommt es zu demonstrativer moralischer Distanzierung, so dass der sich Empörende sicher sein kann, auf der Seite der Guten zu stehen. Diese Reaktionen haben vielfältige Gründe, auf die einzugehen, den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde.
Wichtig ist mir hier folgender Aspekt: Keine dieser Reaktionen beinhaltet die Möglichkeit der Veränderung. Solche Reaktionen, aber auch die nicht seltene voyeuristische Faszination an der Gewalt, haben eins gemeinsam: Sie sind eine Flucht aus der Beziehung. Sie bewirken, dass sowohl das Opfer als auch der Täter oder die Täterin allein gelassen werden.
Auch in der Psychotherapie oder in der Beratung geschieht es oft, dass Therapeuten oder Berater sich mit Hilfe der beschriebenen Abwehrmechanismen von dem Gewaltgeschehen distanzieren: Beispielsweise durch empörte Anklagen oder, auf dem „Psychomarkt“, durch das Anbieten neuer, scheinbar bahnbrechender Beratungskonzepte mit „Erfolgsgarantie“ innerhalb kürzester Zeit.
Solche Therapeuten und Berater (beider Geschlechter) haben oft Angst, die Dynamik der Gewalt im jeweiligen Fall genauer anzusehen und sich mit ihren Gefühlen ganz darauf einzulassen. Viele können die vollständige Szene nicht in sich zusammenhalten. Dadurch können sie nicht sehen, dass sowohl im Täter als auch im Opfer immer beide Seiten der Gewaltszene vorhanden sind: Die des Gewalttätigen und die des ihm hilflos ausgelieferten Opfers. Jeder Täter war, meist schon in der Kindheit, selbst Opfer. Dem Kind als Opfer wird die Gewalt durch die Tat quasi eingeprägt, während der Täter diese Prägung später in der Tat wiederholt. Zur Abwehr der schwer erträglicher Spannung und anderer unerträglichen Gefühle in der Gewaltszene neigen auch manche Helfer dazu, die Szene nach Kategorien von Gut (= Opfer) und Böse (=Täter) zu spalten. Durch diese Spaltung nimmt man zum einen dem Opfer die Möglichkeit die eigene, auch destruktive Aggression wahrzunehmen und zu integrieren. Das Opfer kann dann nicht wahrnehmen, wie es die Gewalttätigkeit des anderen triggert, in dem es ihn z.B. verbal erniedrigt, beschämt, verhöhnt oder verletzt und entwertet.
Zum anderen muss man dann den Schmerz und die Angst des Opfers nicht vollständig erleben, und auch nicht die suchtartige Vermeidung derselben Angst beim Täter. Man muss nicht sehen, wie dieser durch die unbewusste Wiederholung dessen, was ihm angetan wurde – jetzt als Täter – seine Verletzung zu heilen versucht. Und man nimmt dem Täter die Möglichkeit seine abgespaltene Angst, Ohnmacht und Trauer zu fühlen und in sein Leben zu integrieren.
Wenn man als Berater in diesem System der Spaltungen unreflektiert mitgeht, wird man zum „Richter“ und bleibt so im System der Spaltung in Gut und Böse verhaftet und man kann den Betroffenen nicht helfen.
Die Täter – Opfer Spaltung hat eine starke Tendenzen zu Kippen, also zu einer Art Täter – Opfer Schaukel zu werden. Sie kippt zwischen den beteiligten Personen und innerhalb der Person, im Opfer und im Täter hin und her. In der Gewaltszene fühlen sich die Beteiligten (auch die wechselnd identifizierten Berater) abwechselnd entweder nur gut und unschuldig oder nur böse und schuldig. So wird ständig die Schuld hin- und hergeschoben.
In Paarberatungen wird diese Täter – Opfer – Kippdynamik deutlich sichtbar. Täter und Opfer sind verstrickt und können sich dieser Dynamik nur schwer entziehen. Sehr verkürzt dargestellt geschieht folgendes: Im Teufelskreis wechselseitiger Verletzungen kippt die totale Hilflosigkeit und die damit verbundene Scham eines Partners in heftige Wut und Ressentiments um. Einer fühlt sich so weit in die Ecke gedrängt, fühlt sich so beschämt und entwertet und als hilfloses Opfer, dass er meint - im wahrsten Sinne des Wortes - nur mit einem "Befreiungsschlag" aus dieser Opferrolle heraus zu kommen. Und er macht damit den Anderen zum Opfer, der sich seinerseits auf die gleiche Weise aus der Opferrolle befreit und seinerseits zum Täter wird und so weiter.
Gewalt steht also nicht am Anfang eines Konfliktes, sondern am Ende eines Teufelskreises in dem sich die Aggression hochschaukelt und in den beide Partner verstrickt sind. Eine Aufteilung in nur Täter oder nur Opfer ist in nahen Beziehungen wenig hilfreich, ja sie birgt die Gefahr der Festschreibung in diese reduzierten Rollen.
Wege aus der Gewalt Unser Konzept sieht vor, dass je nach Indika- tion und Bedürf- nis der Klienten weibliche und männliche Be- rater und bei Paarberatung- en, ein Berater- paar zur Ver- fügung steht.
Die Chance der Beratung – soll sie über einen appellativen und suggestiven Charakter hinausgehen - liegt darin, dass die Berater in dieses System der Spaltungen eine eigene, dritte Position einbringen, indem sie das Leid und die Not aller Beteiligten in sich aufnehmen und aushalten. Ziel der Beratung ist es also, zuerst gemeinsam mit den Ratsuchenden zu verstehen, was in allen Beteiligten vorgeht, bevor es zu Gewalt kommt. Zu verstehen, was das innerseelische Kräftespiel ist und wie das Zusammenspiel zwischen den Beteiligten ist. In weiteren Schritten werden Auswege aus dem Teufelskreis gesucht und ausprobiert. Das ist oft nur sehr schwer zu verwirklichen und braucht sehr viel Zeit, weil dem viele Widerstände bei den Beteiligten entgegenstehen.
Grundlage unserer Arbeit ist dabei die Psychotherapie in der spezifischen Ausformung, wie sie für die Behandlung von Menschen mit ausgeprägten narzisstischen Störungen und Borderline Struktur entwickelt wurde.
Beratung ist, je nach aktueller Situation und Indikation und den Bedürfnissen der Ratsuchenden, als Einzelberatung und als Paarberatung möglich. Besonders groß ist die Aussicht die Gewaltspirale zu verlassen dann, wenn beide, Mann und Frau bereit sind gemeinsam daran zu arbeiten. Oft melden sich Paare schon gemeinsam an. Manchmal werden gemeinsame Gespräche nach Einzelgesprächen möglich oder es ist ausschließlich Einzelberatung sinnvoll. Unser Konzept sieht vor, dass - auch hier, je nach Indikation und Bedürfnis der Klienten - weibliche und männliche Berater und bei Paarberatungen ein Berater - Paar zur Verfügung steht. Das erweitert zum einen die Übertragungsmöglichkeiten und das Beraterpaar kann als Modell einer Beziehung ohne maligne Spaltungen dienen.
G. Schuller
Flexibilisierung in der Arbeitswelt: (Jahresbericht 2000)
Die objektiven ökonomischen Veränderungen in unserer Gesellschaft spiegeln sich aufgrund der ökonomischen Monostruktur in unserer Stadt in besonders auffälliger Weise in den subjektiven Konflikten, die von Ratsuchenden thematisiert werden. Vorruhestandsregelung und neue Arbeitszeitmodelle, Einkommenseinbußen und Arbeitslosigkeit sind Auslöser für Probleme bei Einzelnen, Paaren und Familien. So führt die Flexibilisierung der Arbeit einerseits dazu, dass in einer
Die Flexibilisie- rung der Arbeits- welt sichert die
Zeit der Globalisierung Arbeitsplätze erhalten werden und sichert so die materielle Existenz von Familien. Auf der anderen Seite entzieht die geforderte Flexibilität ein Stück notwendige Sicherheit, die Menschen brauchen, um ihr Leben gestalten zu können. Es führt bei Einzelnen oder Paaren und insbesondere bei Familien mit Kindern oder Alleinerziehenden zu Belastungen und Konflikten, wenn sie beispielsweise nicht wissen, ob sie in einem Jahr in zwei oder drei Schichten arbeiten oder eine Vier- oder Fünftagewoche haben. Jede menschliche Beziehung, jede Bindung braucht auch ein Stück Sicherheit als Rahmen, eine Sicherheit, die nur begrenzt entzogen werden kann. Eine Gesellschaft muss so organisiert sein, dass ökonomische Interessen und menschliche Bedürfnisse in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Das Primat der Ökonomie hat aus unserer Sicht seine Grenzen. Spätestens mit der Verwirklichung einer Zukunftsvision in der es darum geht, dass ein Mitarbeiter je nach Bedarf in Wolfsburg, Emden oder Kassel eingesetzt wird, wäre aus unserer Sicht die Grenze der Flexibilisierung erreicht. Menschen würde dann der Rahmen entzogen, der notwendig ist, um stabile Bindungen zu leben – außer der Bindung an den Betrieb. Die negativen Auswirkungen auf die Kinder betroffener Familien wären vielfältig. Störungen der Bindungsfähigkeit zukünftiger Generationen können darin mit begründet sein.
ökonomische Existenz von Fa- milien, löst aber als Daueranfor- derung auch Konflikte aus.
In einer kurzen Fallvignette aus unserem Beratungsalltag möchte ich verdeutlichen, welche Folgen Flexibilisierung haben kann:
Ein Paar, war seit mehreren Jahren in Konflikte verstrickt, die zunehmend eskalierten. Gegenseitige Entwertungen und verbale Aggressivität waren an der Tagesordnung. Auch die Kinder litten unter der vergifteten Atmosphäre im Elternhaus. Permanente Loyalitätskonflikte der Kinder - eine gute Beziehung der Kinder zu einem Elternteil war begleitet von der Angst, den anderen zu verlieren oder ihn dadurch zu kränken - führten zu auffälliger Aggressivität und Leistungsproblemen in der Schule. Das Paar sah schließlich nur noch in der Scheidung einen
Das Fallbeispiel ist so verän- dert, dass kei- ne Personen erkennbar wer- den.
Ausweg aus den Konflikten. Er meldete das Paar in der Beratungsstelle an, weil beide eine weitere Eskalation und deren Folgen für die Kinder durch die Beratung eindämmen wollten. Die Furcht vor Eskalation war berechtigt. Aus Angst, nach der Scheidung als Verlierer da zu stehen, wurden auch die Kinder in den Machtkampf einbezogen: sie wollte ihm das Sorgerecht entziehen und erschwerte ihm den Kontakt zu den Kindern, wo sie nur konnte. Er brachte die Kinder nie zur verabredeten Zeit zurück, zahlte unregelmäßig Unterhalt und zermürbte sie durch ständige Drohungen mit seinem Rechtsanwalt. Ziel der Beratung war es, dass die Partner sich als Mann und Frau trennen, um den Kindern als Vater und Mutter zur Verfügung stehen zu können und die Kinder aus dem Konflikt des Paares herauszuhalten. Das Paar einigte sich in einem für beide mühseligen Prozess auf das gemeinsame Sorgerecht und auf feste Zeiten, in denen er die Kinder zu sich holen konnte. Auch die Neigung der Eltern, die Kinder jeweils über den anderen auszuhorchen, ließ nach. Schließlich probierten die Eltern, die gefundenen Lösungen mit ganz gutem Erfolg aus. Die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder wurden geringer. Nach kurzer Zeit änderten sich aber die Arbeitszeiten des Vaters radikal und die gefundenen Besuchsregelungen waren nicht mehr praktikabel. Beide wollten sich nicht noch einmal auf die mühsamen, zermürbenden Gespräche einlassen, um neue Regelungen zu finden. Der Rosenkrieg ist wieder entbrannt, beide klagen vor dem Familiengericht, die Verhaltensauffälligkeiten und seelischen Störungen der Kinder haben zugenommen.
Die Ursachen dafür, dass die Scheidung doch im „Rosenkrieg“ endete, liegt sicherlich nicht allein in der Flexibilität in der Arbeitswelt, die dem Paar abverlangt wurde. Hinzu kommt, dass das Paar seine Konflikte in einem Modus löst, der nur Sieger oder Besiegte zulässt. Gründe dafür sind in der Lebensgeschichte der Partner zu finden. Aber die abverlangte Flexibilität ist auslösende Konfliktsituation und hat somit Auswirkungen auf die zukünftige Konflikt- und Bindungsfähigkeiten der Kinder.
Beeinträchtigungen der Bindungsfähigkeit sind erfahrungsgemäß an der Entstehung der zunehmenden Jugendgewalt in unserer Gesellschaft beteiligt: Menschen, die gute Bindungen zu anderen leben können, sind weniger aggressiv, weil die Aggression durch positive Gefühle, durch die Liebe eingedämmt wird.
G. Schuller
Beratung bei Trennung und Scheidung (Jahresbericht 1994)
Wir stellen den Ratsuchenden in dieser schwierigen Lebens- situation ein differenziertes Be- ratungsangebot zur Verfügung.
In Wolfsburg liegt die Scheidungsrate deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Fast jede zweite Ehe wird geschieden! Die Zahl der Ratsuchenden, die uns wegen Trennungs- und Scheidungsproblematik aufgesucht haben, hat im Berichtsjahr zugenommen. Für 31% der Klienten, war diese Problematik ein zentrales Thema im Beratungsprozess. Wir begegnen den Menschen in dieser schwierigen Lebenssituation mit einem differenzierten Beratungsangebot.
Die meisten Menschen in Trennungssituation, Paare und Einzelpersonen, suchen uns zu einem Zeitpunkt auf, wenn der Wunsch eine Krise durch Trennung zu bewältigen und der Wunsch die Probleme gemeinsam zu lösen als gleich stark empfunden wird. In dieser Phase ist es zuerst der Schock und die ambivalenten Gefühle die der Fokus der Beratung sind. Dann haben Ratsuchende Raum, sich Trennendes und Verbindendes in ihrer Beziehung anzuschauen, um so eine Entscheidung zu finden.
Beratung führt in dieser Phase häufig dazu, dass die Partner die Beziehung fortführen wollen, das Zusammenwirken der eigenen Anteile am Konflikt verstehen und weitere Beratung die Veränderung der Beziehung zum Ziel hat.
Entschließen sich ein oder beide Partner zur Scheidung, so kann Beratung einen oder beide Partner, meist in Einzelgesprächen oder in einer Gruppe weiter begleiten. In dieser schwierigen Zeit werden viele Gefühle durchlebt: Wut, Trauer, Versagen, Einsamkeit beim verlassenen Partner, Trauer, Schuldgefühle und Erleichterung bei dem der geht. Trennung ist oft eine konstruktive Lösung für erstarrte, krankmachende Beziehungskonstellationen, und wird von einem oder beiden Partner als Chance zu Entwicklung erlebt.
Es ist die Zeit, in der auch praktische Entscheidungen, z.B. über Umzug, Unterhaltsregelungen, über das Sorgerecht und Besuchsregelungen getroffen werden müssen. In dieser Phase bieten wir Trennungsberatung an. Wir unterstützen die Ratsuchenden darin, gemeinsam praktikable Lösungen zu finden. Ziel der Beratung ist es, die Partner darin zu unterstützen, trotz der unvermeidlichen Kränkungen und Aggressionen während der Trennung, als Eltern, zum Wohle ihrer Kinder weiter zu kooperieren. Beratungsform in dieser Phase sind Einzel-, Paar- und Familiengespräche.
Nach der Trennung ist Beratung eine Hilfe, um den Abschied und die Trauer zu verarbeiten, seine Stabilität wieder zu finden und Perspektiven für einen neuen Lebensabschnitt zu entwickeln. Für viele Klienten war es hilfreich, diesen Prozess in einer Gruppe zu erleben, gemeinsam mit anderen Menschen die in der gleichen Lebenssituation sind.
Beratung wird von einigen Ratsuchenden über mehrere Phasen des Trennungs- und Scheidungsprozesses in Anspruch genommen, von anderen nur in einer Phase. Ehe-, Familien- und Lebensberatung hat in jeder Phase präventive Wirkung: Oft führt sie dazu, dass statt Scheidung andere Lösungen für Paarkonflikte gefunden werden. Oder sie bewirkt, dass die Belastungen für die Eltern und besonders für die Kinder wesentlich geringer werden. Ebenfalls im präventiven Bereich anzusiedeln ist eine Fortbildungsreihe zum Thema Umgang mit Eltern und Kindern in Scheidungssituation die für 1995 geplant ist. Sie richtet sich an Erzieherinnen und Erzieher in Kindergärten.
G. Schuller
Ehe-, Familien- und Lebensberatung
der Evangelischen Kirche Wolfsburg