
Evangelische Zeitung vom 02.08.2009
Mein einziger Sohn ist 17 Jahre alt und macht nur noch Schwierigkeiten. Er ist kaum noch zu Hause, trifft sich bis spät abends mit seinen Kumpels, mit denen er nur Blödsinn macht, und er kommt am Wochenende oft völlig betrunken nach Hause. Wenn er zu Hause ist, sitzt er bis in die Nacht am Computer, die Leistungen in der Schule werden immer schlechter. Er lässt sich von mir nichts mehr sagen. Wenn ich ruhig mit ihm rede, nimmt er mich nicht ernst und lügt mich an. Wenn ich mahne oder meckere schreit er und beschimpft mich mit schlimmen Worten. In der Schule fällt er auch auf, weil er andere bedroht. Ich bin alleinerziehend, zum Vater gab es nie Kontakt, das würde auch nichts bringen. Ich habe ihn vielleicht zu sehr verwöhnt, weil ich die fehlende Familie ausgleichen wollte. Was kann ich noch tun? Olga F. (43)
Sie haben offensichtlich versucht mit Ihrem Sohn zu reden, um ihn mit Verständnis, mit Appellen an seine Einsicht, mit mahnen, drängen und tadeln zu erreichen. Allein, das hat nichts bewirkt, im Gegenteil, die Situation eskaliert und die Beziehung zu Ihrem Sohn ist nur noch von und Streit geprägt, gute Begegnungen gibt es kaum noch. Und Ihr Sohn reagiert darauf so, als würde er austesten wollen, wie weit er noch gehen kann.
Ich rate Ihnen deshalb folgendes: Setzen Sie ihrem Sohn deutliche Grenzen, führen Sie eindeutige Regeln ein, kündigen Sie klare Konsequenzen an, für den Fall dass er die Grenzen und Regeln überschreitet. Und vor allem: wenden Sie die Konsequenzen konsequent an!
Setzen Sie zum Beispiel fest, wie viele Stunden er am Tag am PC sein darf und wann er ihn abends ausschalten muss. Überlegen sie eine Konsequenz, wenn er das nicht einhält, z.B. könnten Sie den Monitor für den nächsten Tag wegschließen. Alkoholmissbrauch und Schimpfwörter könnten sie mit Taschengeldkürzungen verknüpfen. Er wird protestieren, jedoch, wenn er merkt, dass sie konsequent bleiben, wird er sein verhalten überdenken. Er kann dann selbst entscheiden, ob er die Regeln einhält oder mit der Konsequenz lebt. Und Sie könnten so die Rolle der meckernden Mutter verlassen und vielleicht auch wieder anerkennende, liebevolle Worte für ihren Sohn finden. Besonders letzteres ist bei einer solchen Eskalation schwierig. Deshalb denken Sie darüber nach: Was lieben, was schätzen Sie an ihrem Sohn, trotz all der Probleme? Und sagen Sie es ihm. Immer wieder.
Evangelische Zeitung vom 22.06.2008
Mein Mann und ich sind jetzt beide in Rente. Nach einer gewissen Zeit der Neuorientierung haben wir beschlossen, noch etwas von der Welt zu sehen. Wir haben schon drei große Reisen unter- nommen, weitere sind in Planung. Wir freuen uns, dass wir gesundheitlich in der Lage sind, unser Rentnerdasein so spannend zu gestalten. Wir haben Ersparnisse, mit denen wir uns dieses neue Leben erlauben können. Umso mehr trifft mich jetzt der Vorwurf meines Sohnes, es sei egoistisch und ziemlich verantwortungslos, dass wir so ein Erbe verprassen, wie er sich ausdrückt. Unser Sohn hat ein gutes Einkommen, hat eine Frau und zwei Kinder. Wir haben für unsere Enkel Sparbücher angelegt. Unserem Sohn hat es nie an etwas gefehlt. Haben wir nicht das Recht, unseren Ruhestand nach eigenen Vorstellungen zu gestalten? Elvira R. (67)
Nun scheint der gegenwärtig in allen Medien präsente „Kampf der Generationen“ auch Sie erreicht zu haben. Allein ich sehe in Ihrer Familie keinen Anlass dazu, da Sie und Ihr Sohn doch in finanziell gut abgesicherten Verhältnissen leben. Nicht nur er wird erben, sogar für die Enkel sorgen Sie. Ihr Sohn tritt aber auf, als gehöre ihm Ihr Geld schon jetzt, als fühlte er sich von Ihnen beraubt. Da er aber ein gutes Einkommen hat und abgesichert ist, vermute ich, dass ihn andere Motive bewegen.
Wir alle verbinden mit Geld etwas Unterschiedliches - für den einen ist es einfach ein Mittel zum Zweck, für einen anderen fast etwas Magisches, und es wird mit unterschiedlichsten Gefühlen und Phantasien belegt. Es erzeugt Neid, Gier oder Hass, aber auch Sicherheit, Stolz und Bewunderung. Für viele ist es ein Ersatzobjekt, das Rettung aus negativen Gefühlen bieten soll, die unbewusst geworden sind. Der Geist unserer Kultur bestärkt die irrationale Hoffnung, Geld könne komplizierte Probleme einfach lösen, etwa so, wie das Alter durch teuere kosmetische Operationen oder Wundermittel gebannt werden könne.
Was könnten die Beweggründe Ihres Sohnes sein? Was verbindet er mit Geld? Haben Sie etwas, das er, der tagein tagaus für Familie und Rente arbeiten muss, nicht hat, nämlich ein spannendes Leben? Vielleicht beneidet er Sie und hat dabei nicht mehr im Blick, dass Sie sich das Geld dafür mit Anstrengung erarbeitet und unter Verzicht angespart haben? Sagen Sie ihm das klar und deutlich, damit er es nicht aus den Augen verliert!
Evangelische Zeitung vom 18.05.2008
Unsere Tochter hat erfolgreich Medizin studiert und ist jetzt sogar Frau Doktor. In unserer Handwerkerfamilie ist sie die Erste, die es so weit gebracht hat. Wir sind sehr stolz auf sie. Was mir aber Sorgen macht: Sie bewegt sich jetzt in „besseren Kreisen“ und zieht sich von uns fast völlig zurück. Ihren Freund (sie sagt, er sei Rechtsanwalt) haben wir noch nie zu Gesicht bekommen, obwohl sie schon ein Jahr mit ihm zusammen ist. Wenn ich sie frage, ob sie sich ihrer einfachen Eltern schämt, weist sie das empört zurück. Sie habe so viel Stress im Krankenhaus und keine Zeit. Sie wird uns fremd. Wir haben für unsere Tochter auf manches verzichtet. Sie könnte uns doch wenigstens einmal im Monat besuchen. Oder ist das wirklich zu viel verlangt? Gunda M. (62)
Sie haben viel für Ihre Tochter getan. Und sie hat die Chance genutzt, ist jetzt erfolgreich in ihren Beruf eingestiegen und hat einen Freund. Kurz, sie baut sich ein eigenständiges Leben auf und die Eltern sind dabei in den Hintergrund gerückt. Das ist das Los von Eltern, deren Kinder eigenständig und erwachsen werden und bedeutet, die Kinder ein weiteres Stück loszulassen. Aber für Sie bedeutet es weit mehr: Ihre Tochter ist durch das Studium in eine Welt eingetreten, die Ihnen fremd ist. Sie „ … ist jetzt sogar Frau Doktor.“ Da höre ich nicht nur Ihren Mutterstolz, sondern auch eine Portion Unmut und auch Verbitterung? Weil Sie das Gefühl haben, dass Ihre Tochter sich Ihrer schämt? Das muss nicht so sein. Vielleicht ist Ihrer Tochter das Elternhaus ja auch etwas fremd geworden? Aber nicht, weil sie sich als etwas Besseres fühlt, sondern weil sie gegenwärtig danach trachtet, heimisch zu werden in ihrer eigenen, neuen Welt, die ja wirklich eine andere ist.
Wie dem auch sei, die Entfremdung jedoch bleibt. Ich denke, es bleibt Ihnen zurzeit nur übrig, Ihre Trauer und Enttäuschung auszuhalten. Kann der Stolz auf den Erfolg Ihrer Tochter, an dem Sie ja auch beteiligt sind, dabei ein Stück Entschädigung und Trost sein? Vielleicht gelingt es Ihnen, die Beziehung auf lange Sicht wieder anzukurbeln, indem Sie beispielsweise an alte Gemeinsamkeiten anknüpfen, an Dinge, die ihnen beiden Spaß gemacht haben. Das braucht Zeit, aber ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird. Nur wenn sie verbittert werden, erschweren Sie eine Wiederannäherung, weil Verbitterung trennende Gefühle zementiert.
Evangelische Zeitung vom 16.12.2007
Mein Mann und ich haben einen großen Bekanntenkreis. Häufig sind wir zu Feiern eingeladen und nehmen diese auch gerne wahr. Mir sind diese Gelegenheiten allerdings zunehmend verleidet. Mein Mann ist gerne im Mittelpunkt und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, indem er vermeintlich lustige Begebenheiten erzählt. Dabei stellt er mich bloß, weil es immer um Situationen geht, in denen ich die Dumme bin. Was er erzählt stimmt zwar, aber es verletzt mich, wenn er öffentlich darüber spricht. Er selbst steht dabei immer gut da. Wenn ich ihn darauf anspreche, sagt er, das sei doch nur Spaß, er liebe mich und ich hätte allen Grund, selbstbewusst zu sein. Tatsächlich werde ich angesichts solcher Situationen immer empfindlicher. Elena S. (38)
Sie erleben, wie Ihr Mann Ihnen eine doppelte Botschaft sendet. Er stellt Sie bloß und wenn Sie ihm sagen, dass Sie das verletzt, teilt er Ihnen mit, dass Ihr Gefühl unangebracht sei. Erstens, weil er ja nur Spaß mache und weil Ihr Verletztheitsgefühl Ausdruck Ihres zu geringen Selbstwertgefühls sei. Außerdem definiert er es als ein Zeichen Ihres Zweifels an seiner Liebe, wenn Sie sich verletzt fühlen. So kann er Sie weiterhin bloßstellen und dennoch sein gutes Bild von sich behalten, da es ja nichts mit ihm, sondern ausschließlich mit Ihnen zu tun habe, wenn Sie sich verletzt fühlen.
Mit dieser Doppelbotschaft drängt er Sie in einen schier unlösbaren inneren Konflikt, den Sie vielleicht so erleben: Ich will eine gute Beziehung mit meinem Mann haben. Wenn die Beziehung aber gut bleiben soll, darf ich ihm nicht sagen, dass er mich verletzt, da ich ihm damit Unrecht zufüge, weil ja nicht er, sondern mein schlechter Selbstwert Ursache meiner Probleme ist. Sage ich es ihm aber nicht, ist die Beziehung auch gestört, weil ich mir selbst Unrecht zufüge, indem ich meine Gefühle verleugne und deshalb zwangsläufig immer empfindlicher werde.
Ein Ausweg ist nur dann möglich, wenn Sie sich mit den geäußerten Botschaften kritisch auseinander setzen, und Ihren eigenen Standpunkt finden. Können Sie zum Beispiel zu Ihrem Gefühl stehen, trotzdem er es anders deutet? Mögen Sie ihm deutlich machen, dass Sie sein Verhalten nicht mehr hinnehmen wollen und sich Konsequenzen überlegen, falls er weiter macht? Das wird bestimmt kein einfaches Gespräch, aber nur durch Gespräche haben Sie die Chance, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden.
Evangelische Zeitung vom 13.05.2007
Mein Nachbar (57), seit zwei Jahren Witwer, hat mich und meinen Mann um einen Rat gefragt in einer – wie ich finde – problematischen Angelegenheit. Der Nachbar ist aus seinem Bekanntenkreis angesprochen worden, eine 30 Jahre jüngere Migrantin zu heiraten, um ihr einen gesicherten Aufenthaltsstatus zu verschaffen. Es gebe für ihn kein Risiko, es bleibe alles wie bisher. Er habe so die Möglichkeit, das Leid in der Welt durch einen kleinen persönlichen Beitrag zu verringern. Mein Nachbar ist in einen Gewissenskonflikt geraten, weil er gern hilft, aber auch Klarheit liebt. Was können wir ihm raten? Heidelore T. (52)
Eine Scheinehe ist für sich schon problematisch, aber es bedarf auch einiger Mühen, einen Ausweg aus einem Gewissenskonflikt zu finden. Deshalb schlage ich vor, statt einfacher Ratschläge, sich in einem Gespräch vertieft mit seinem Konflikt zu befassen: Auf der einen Seite ist der Wunsch, jemandem helfen zu wollen. Das führt ihn aber in eine Beziehung, in der die Folgen unkalkulierbar sind. Rechnet er z.B. damit, dass das „Paar“ bestimmt schon wegen des Altersunterschiedes einen unvermeidbaren Anfangsverdacht zerstreuen muss, indem es vermehrt zusammen und möglichst selbstbewusst im Standesamt, vor den Nachbarn und bei der Ausländerbehörde auftreten muss, also ganz selbstverständlich als verliebtes Paar? Hat ihr Nachbar schon darüber nachgedacht, was wäre, wenn einseitig Gefühle ins Spiel kämen? In jedem Fall würde ich raten, Informationen zu sammeln und mit Betroffenen zu sprechen, um zu wissen, was konkret auf ihn zukommt.
Zur Realität gehört auch, dass er gegen das Gesetz verstoßen würde – und ich vermute, da entsteht sein Gewissenskonflikt: der Wunsch Gutes zu bewirken, verstößt hier gegen seinen Ethos gesetzestreu leben zu wollen und umgekehrt. Als Ausweg bleibt ihm nur, entweder sein inneres Gesetzeswerk der neuen Situation anzupassen oder sich von seinem Vorhaben zu verabschieden. Wenn er, wie ich vermute, ersteres nicht will, fragen Sie ihn, ob er das Leid in der Welt nur durch diesen einen kleinen persönlichen Beitrag etwas verringern könne oder ob er auch offen wäre, nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Sollte er sich das nicht vorstellen können, so würde ich ihm vorschlagen, seine Motivation tiefer zu erforschen: Will er wirklich nur der Frau Gutes tun oder mehr sich selbst? In seiner Situation wäre letzteres ja verständlich.
Evangelische Zeitung vom 12.11.2006
Seit unsere Kinder aus dem Haus sind, haben wir viel Platz. Und ich empfinde eine große Leere. Meine Überlegungen zu einer gemeinsamen Zukunft mit meinem Mann gehen in Richtung einer Wohngemeinschaft. Entweder mit anderen Senioren oder altersgemäß gemischt. Für mich ist vieles denkbar. Mein Mann (55) aber will davon absolut nichts wissen. Er fühlt sich beruflich voller Schaffenskraft und sagt, ich würde ihn „zum alten Eisen diskutieren“. Das liegt mir fern. Ich finde aber, dass man solche Wohn-Überlegungen rechtzeitig anstellen und dem Kennenlernen möglicher Interessenten Zeit lassen sollte. Aber das geht doch nicht ohne meinen Mann oder hinter seinem Rücken. Antonie v. F. (57)
Eine Wohngemeinschaft im Alter ist eine Lebensform, die sich immer mehr Menschen vorstellen können, weil sie sich viel davon versprechen, etwa gegenseitige Hilfe und Unterstützung, mehr Anregungen und Kontakte und Pflege gemeinsamer Interessen. Wenn es aber um die konkrete Umsetzung geht, haben ebenso viele Menschen klare Bedenken gegenüber dieser Wohnform.
So auch Ihr Mann. Er scheint andere Vorstellungen über seine und Ihre Zukunft zu haben. Da Sie aber aus der Not einer großen inneren Leere handeln, frage ich mich, ob Sie sich und Ihrem Mann genügend Zeit geben, über Vorstellungen und Bedenken zu sprechen. Welches sind seine Bedenken und wie könnten Sie die ernst nehmen? Welchen Gewinn könnte er von der Wohngemeinschaft haben? Hat er ganz andere Vorstellungen zu Ihrer gemeinsamen Zukunft? Oder geht es um die Form der Wohngemeinschaft, etwa in einer großen Wohnung oder als Hausgemeinschaft mit je eigenen Wohnungen? Das sind unterschiedliche Ansätze, die dem Bedürfnis von Nähe einerseits und Eigenständigkeit andererseits unterschiedlichen Raum geben.
Ich frage mich auch, ob Sie ausschließlich in der Wohngemeinschaft eine Möglichkeit sehen, Ihre innere Leere zu bewältigen? Oder könnten Sie sich auch vorstellen, Ihrem Leben und Ihrer Ehe auch auf andere Weise neuen Sinn und neue Lebendigkeit zu geben? Wenn Sie nur die eine Möglichkeit der gemeinsamen Zukunft sehen, hat Ihr Mann dann noch eine echte Wahl?
Nehmen Sie sich gemeinsam Zeit um Ihre, auch unterschiedlichen, Bedürfnisse und Vorstellungen für die Zukunft in Ruhe zu sortieren. So können Sie einen gemeinsamen Nenner finden. Der innere Druck den das Gefühl von Leere erzeugt, ist dafür kein guter Ratgeber.
Evangelische Zeitung vom 18.06.2006
Mein Vater(49) schlägt meine Mutter (45) seit Jahren. Immer, wenn er Alkohol getrunken hat, und das kommt bei seiner inzwischen drei Jahre dauernden Arbeitslosigkeit häufiger vor als früher. Am nächsten Tag entschuldigt er sich bei meiner Mutter, und sie verzeiht ihm. Das geht schon seit meiner Kindheit so. Ich will meinen Vater anzeigen oder meine Mutter da rausholen. Aber sie findet für ihn immer wieder Entschuldigungen. Ich kann das absolut nicht verstehen und weiß nicht, was ich da machen soll. Anna W. (24)
Ihre Eltern sind seit vielen Jahren in eine gewalttätige Beziehung verstrickt, die von einer Täter-Opfer-Dynamik bestimmt wird. Die Gewalt steht in so einem Beziehungsmuster am Ende eines sich wiederholenden Teufelskreises von wechselseitigen Kränkungen, Demütigungen, Herabsetzungen und Wut, in dem sich die Aggression hochschaukelt und an dem beide beteiligt sind. Und beide, Ihr Vater und auch Ihre Mutter, die auf den ersten Blick nur Opfer zu sein scheint, halten daran fest.
Vor allem letzteres, das das Opfer an der Beziehung zu einem gewalttätigen Mann festhält, ist für viele nur schwer verständlich. Meist geht es darum, dass das Opfer durch festhalten daran, sich mit der eigenen Aggression, mit der es den Teufelskreis der Gewalt anheizt, nicht auseinander setzen muss. Und der Täter vermeidet es sich seinen eigenen Gefühlen von Hilflosigkeit, Trauer oder Scham zu stellen, und er übernimmt nicht die Verantwortung für seine Gewalttätigkeit. Jeder verhält sich so, dass der andere die Gefühle und Impulse spürt und lebt, die er selbst verleugnet. Warum das so ist, wird aus der Lebensgeschichte der beteiligten verstehbar.
Ich kann es gut verstehen, dass Sie das Leid Ihrer Mutter beenden wollen. Eine Veränderung ist aber nur mit ihr zusammen möglich, nicht ohne sie. Sie kann diesen Teufelskreis nur dann durchbrechen, wenn sie Ihrem Vater Konsequenzen ankündigt und diese auch einhält. Genau das macht sie aber seit Jahren nicht. Sie könnten am ehesten etwas bewirken, wenn Sie ihrerseits ihrer Mutter Konsequenzen ankündigen und diese einhalten, sollte sie weiter machen wie bisher. Aber ich denke, Sie werden nach so vielen Jahren aber kaum etwas ändern können. Versuchen Sie von dieser Vorstellung loszulassen – auch wenn das sehr schwer fällt. Unterstützung dafür finden Sie in einer Beratungsstelle in Ihrer Nähe.
Evangelische Zeitung vom 12.01.2006 - Ekel
Mein Schwager ist nach einem Schlaganfall teilweise einseitig gelähmt und kann eine Gesichtshälfte nicht kontrollieren Meine Schwester hilft ihm, wenn nötig, und kommt mit der Krankheit ihres Mannes offenbar gut zurecht. Wir wohnen nahe zusammen und haben engen Kontakt. Mein Schwager sitzt bei den Mahlzeiten natürlich mit am Tisch. Was mir Probleme macht, ist mir sehr peinlich. Meinem Schwager laufen häufig Speisereste aus dem Mundwinkel. Ein Anblick, der bei mir Brechreiz auslöst. Ich kann nichts dagegen tun. Wir sitzen oft gemeinsam am Tisch und mir fallen schon keine Ausreden mehr ein, warum ich nicht mitessen will oder kann. Adelheid Z. (62)
Sie stecken wirklich in einem schwierigen Dilemma. Offenbar löst der beschriebene Anblick bei Ihnen starken Ekel aus. Und Ekel ist eine ganz basale Reaktion. Er hängt mit Geruch, Geschmack, Berührung oder dem Anblick bestimmter Reize zusammen. Darauf reagiert man reflexartig mit aversiven Gefühlen, die von Abneigung über Widerwillen bis hin zu Abscheu und Brechreiz gehen. Deshalb ist es kaum möglich Ekel willentlich zu steuern, ihn zu verringern oder gar ganz abzubauen.
In Beziehungen zu jenen, die uns Nahe sind, richtet Ekel eine emotionale Schranke auf, die sich bis zur Ablehnung eines Menschen erweitern kann. Ich verstehe Ihre Anfrage so, dass Sie nach einem Ausweg suchen, bevor das eintritt.
Das geht aber nur, wenn Sie die Situation verändern. Aber sich Ekelgefühle zuzugestehen, geschweige denn sie anzusprechen, ist schwer. Es fällt uns allen nicht leicht dazu zu stehen, weil Ekel hoch tabuisiert ist. Gerade wenn der andere, so wie Ihr Schwager, nichts dazu kann, schämt man sich, weil man fürchtet, als ungerecht und herzlos zu erscheinen oder den anderen zu verletzen.
Aber wie findet man eine Ebene, auf der man etwas Tabuisiertes ansprechen kann? Vielleicht, wenn Sie zuerst ausdrücken, dass es nicht um Ihren Schwager geht, sondern um Ihre eigene „Schwäche“: Nicht er macht etwas falsch, sondern Sie können etwas nicht aushalten. Denken Sie, dass die beiden Verständnis dafür haben? Wenn ja, könnten sie gemeinsam überlegen, wie sie die Situation ändern könnten. Wäre es eine Lösung, wenn Sie sich beispielsweise neben ihn setzen, statt gegenüber oder dass Sie, statt gemeinsam zu essen, lieber mit ihm spazieren gehen? Ich bin sicher, dass Ihnen Lösungen einfallen, wenn das Tabu erst gebrochen ist.
Evangelische Zeitung vom 15.05.2005 - Aussenbeziehung
Mein Mann hat mir kürzlich fast beiläufig erzählt, dass er mal ein Verhältnis mit einer Kollegin hatte. Nur ein paar Wochen, und es sei ja auch schon über ein Jahr her. Mit mir hätte das nichts zu tun gehabt. Er liebe mich. Ich bin fassungslos. Wie kann er so etwas sagen (und tun). Ich bin tief verletzt, reagiere mit Rückzug und will erstmal mit meinem Mann nichts zu tun haben. In Gedanken stelle ich mir alles vor und frage mich, wie oft ich wohl belogen wurde. Jetzt nennt mich mein Mann hysterisch, findet meine Reaktion völlig unangemessen. Reagiere ich wirklich so übertrieben? Solveig M. (34)
Nein! Ihr Mann hat Sie verletzt, weil er sich heimlich von außen Befriedigung holte für etwas, was in ihrem beiderseitigen Einverständnis allein in die Paarbeziehung gehört. Und Sie geben Ihrer Verletzung den notwendigen Raum, um das erlebte zu bewältigen. Er bagatellisiert und versucht, durch eine Art katholischen Ablasshandel mit neuen Liebesschwüren, flott zur Tagesordnung überzugehen. Paartherapeuten wissen: Dieser Weg, Vergebung zu suchen, scheitert garantiert.
Wollen Sie die Krise gemeinsam lösen, bleibt es aber eine Kernfrage, ob Sie Ihrem Mann verzeihen können. Verzeihen ist aber erst dann möglich, wenn Verletzungen und daraus folgende Spannungen genügend Raum haben. Das heißt, Sie müssen in Gesprächen erst erfahren, dass er Ihnen zuhört, Ihre Kränkung anerkennt und Ihnen die nötige Zeit gibt, davon Abstand zu gewinnen. Mit der Entwertung Ihrer Verletztheit als hysterisch verhindert Ihr Mann genau das, was er erreichen will – eine mögliche Versöhnung. Aber die werden auch Sie verhindern, wenn Sie Ihre Wunde immerzu aufreißen, indem Sie stets an die Aussenbeziehung denken und ihm diese auf Dauer vorhalten. Deshalb bedenken Sie gemeinsam: Wie viel Zeit brauchen Sie etwa, bis Ihre Wunde heilt? Wie lange kann Ihr Mann Ihnen Zeit geben, Ihre Verletzung zu bewältigen?
Außenbeziehungen sind meist ein Zeichen einer aus der Balance geratenen Beziehung, woran beide Partner Anteile haben. Wenn ein Fahrrad sich nicht mehr bewegt, kann sich der Fahrer nicht mehr auf zwei Rädern halten. Er braucht etwas Drittes um sich abzustützen. Überlegen Sie doch, welchen Sinn diese Krise für Sie beide haben könnte, für die jeweils eigene Entwicklung und für Sie beide zusammen? Eine gemeinsame Suche nach Antworten erleichtert eine Versöhnung.
Evangelische Zeitung vom 13.06.2004 - Vaterschaftstest
Vor kurzem habe ich von meiner Frau erfahren, dass ich nicht der Vater unseres 3 Jahre alten Sohnes bin. Ich hatte schon länger Zweifel, aber sie hat das energisch abgestritten. Erst als ich ihr eröffnete, dass ich ein Labor mit einem Vaterschaftstest beauftragt habe, hat sie es gestanden. Ich bin fassungslos. Warum tut Sie so etwas? Sie wirft mir jetzt vor, ich hätte sie mit dem heimlichen Test hintergangen. Ich weiß nicht, was ich tun soll und denke auch an Trennung. (Hagen L. 35)
In so einer Krise ist die Frage nach dem Warum häufig Ausdruck davon, dass man von starken Gefühlen ergriffen ist, die kaum zu verarbeiten sind. Viele Männer die ähnliches erlebt haben, werden von heftigen Empfindungen geradezu zerrissen: Man fühlt sich betrogen, belogen, zutiefst verletzt und benutzt und die Frage nach der Schuld ist wichtig. Man schwankt zwischen tiefer Trauer, Ohnmacht und heftiger Wut, mancher ist in seinem Selbstwert erschüttert oder sinnt nach Rache. Was fühlen Sie?
Für eine Lösung ist es wichtig, dass Sie Ihren Gefühlen genügend Raum geben. Andererseits waren die meisten Männer, die ich in Beratung hatte, im nachhinein froh, unter dem Druck dieser Gefühle keine vorschnelle Entscheidung getroffen zu haben. So fanden sie Zeit, Abschied zu nehmen von der Vorstellung leiblicher Vater ihres Kindes zu sein. Ich rate Ihnen diesen schmerzlichen Prozess nicht alleine zu bewältigen, sondern sich Hilfe in einer Lebensberatungsstelle zu suchen. In der Beratung können Sie auch herausfinden, ob Sie die innere, die soziale Vaterschaft in der Familie weiterführen können, auch ohne der leibliche Vater zu sein. Die meisten Männer die ich begleitet habe, haben sich aufgrund ihrer starken Bindung an das Kind dafür entschieden.
In Paargesprächen können Sie auch eine Antwort auf das Warum finden und verstehen, weshalb Ihre Frau so reagiert hat. Manche Frauen tun es aus Angst verlassen zu werden, andere aus Rachegefühlen, wieder andere, weil Sie die Verantwortung für ihr Tun nicht übernehmen wollen. Oft ist das aber Ausdruck einer Störung der Beziehung, an der beide Partner, auch die Männer, ihren Anteil haben. Wenn Sie versuchen, solche Fragen ohne vorschnelle Anklagen zu verstehen, so ist das nicht nur eine Chance für Sie und Ihre Ehe, sondern auch eine Chance für das schwächste Glied in der Kette, für das Kind.
Evangelische Zeitung vom 13.02.2005 - Gestörtes Vertrauen
Nach 20 Jahren als Angestellter in einem Ingenieursbüro hat sich mein Mann selbständig gemacht, um angesichts der schmalen Auftragslage einer Kündigung zuvor zu kommen. Ehemalige Kunden haben nun ihm Aufträge gegeben, weil sie seine gute Arbeit schätzen und er attraktive Angebote machte. Inzwischen versucht der ehemalige Chef, meinen Mann in ein schlechtes Licht zu rücken. Er habe Kundenlisten und Daten mitgehen lassen, um ihn vom Markt zu verdrängen. Das alles nicht offen, sondern hinter seinem Rücken. Ein Anwalt meinte, da sei juristisch nichts zu machen. Jetzt biete der ehemalige Chef meinem Mann eine Partnerschaft an. Können wir ihm noch trauen? Sollte mein Mann einsteigen, um den Rufmord zu beenden? Cora D. (42)
Ihre Anfrage zeigt, wie sehr der aktuelle ökonomische Druck gerade für Selbständige oder Freiberufler existenzielle Folgen hat. Die Ich-AG ist kein Zuckerschlecken – auch nicht für Sie als Ehefrau.
Die Handlungen des ehemaligen Chefs sind nahe an der üblen Nachrede angesiedelt und könnten das Geschäft schädigen. Dass Sie ihm nicht mehr vertrauen, versteht sich von selbst. Aber wie wehrt man sich, wenn juristisch nichts geht? Sie können nur warten, dass die Realität, also die gute Arbeit Ihres Mannes, die Gerüchte mit der Zeit wegdrängt. Und Sie können davon ausgehen, dass jene, die ihm wohlgesonnen sind, auf Gerüchte nichts geben.
Aber ich frage mich, ist nicht auch aus der Sicht des Chefs ein Vertrauensbruch gegeben? Ihr Mann bedient ja seine ehemaligen Kunden, unabhängig davon, ob er deren Namen auf Diskette oder nur im Gedächtnis gespeichert hat. Bedenkt man, dass es in vielen Arbeitsverträgen eine Klausel zum Wettbewerbsverbot gibt, die genau das was Ihr Mann tat, für eine Übergangsfrist verhindern soll, so verstehe ich, dass der ehemalige Chef Ihrem Mann nicht vertraut – auch wenn ich sein Vorgehen nicht gutheißen kann.
Zu Ihrer zweiten Frage: Bevor man mit einem Menschen nach einer Krise wieder eine enge Bindung eingeht, und die vorgeschlagene Partnerschaft betrachte ich als solche, muss zuerst der Konflikt geklärt werden. Die beiden müssten die Frage, „Wie kann wechselseitiges Vertrauen wieder entstehen?“, als erstes lösen. Das geht am besten in einem offenen Gespräch, in dem beide die Punkte möglichst konkret benennen und konkrete, überprüfbare Vorschläge dazu machen, welches Verhalten beim anderen Vertrauen wieder herstellt.
Evangelische Zeitung vom 15.06.2003 - Altmodisch?
Einer meiner Enkel – ich habe zwölf – feiert bald Hochzeit. Zu der großen Familienfeier sollen nicht nur die Geschwister mit ihren Ehepartnern und Kindern, sondern auch deren geschiedene Partner mit ihren neuen Verbindungen kommen. Mir fällt schon die Aufzählung schwer – ein großes Durcheinander. Ich finde das geschmacklos. Schlimm genug, wenn Ehepaare wieder auseinanderlaufen. Ich habe zu meinem Eheversprechen auch in schlechten Tagen gehalten, was wirklich nicht immer leicht war. Mein Enkel findet meine Bedenken rückständig. Hat er recht? Mechthild L. (83)
Ja, das ist wirklich ein ziemliches Durcheinander! Aber entscheiden, ob Sie rückständige Ansichten haben oder ob Ihr Enkel geschmacklos ist, das will ich nicht. Nicht weil ich kneife, sondern weil ich denke, dass es in der Frage keine richtigen oder falschen Ansichten gibt.
Stattdessen möchte ich Ihre Frage aus einem anderen Blickwinkel beantworten: Wenn Sie sagen, dass Sie, anders als die Enkel, auch in den schlechten Tagen der Ehe durchgehalten haben, verstehe ich Sie so, dass Sie die Scheidung ihrer Enkel als etwas negatives sehen, weil sie bei der jungen Generation Ausdruck von geringer Durchhaltefähigkeit und niedriger Spannungstoleranz ist. Als wären die Enkel da geflüchtet, wo Sie standgehalten haben.
Welches sind aber Ihre Gefühle, wenn Sie Ihren Enkel als geschmacklos abtun? Sind Sie ärgerlich, weil er Ihre Fähigkeit, Schwierigkeiten auszuhalten, durch seine Haltung nicht angemessen würdigt? Ich verstehe diese Fähigkeit jedenfalls als Stärke und nicht als etwas rückständiges. Oder sind Sie eher etwas neidisch, weil sie sehen, dass Ihre Enkel den Mut haben, zu gehen, wenn eine Ehe kaputt ist und sie nicht, wie viele Frauen Ihrer Generation, Unerträgliches unnötig lange durchhalten müssen?
Vielleicht machen Sie in Ihrer Anfrage die jeweiligen Besonderheiten der zwei Generationen sichtbar. Die einen können Verzicht, Enttäuschungen oder die Last von Spannungen besser tragen. Die anderen sind unabhängiger und selbstbewusst genug, und sie haben den Mut, dort zu gehen, wo Bleiben zur unerträglichen Last wird.
Statt zu entscheiden wer Recht hat, antworte ich Ihnen mit folgender Frage: Was können Sie und Ihr Enkel dafür tun, um diese Dinge als Fähigkeiten und Stärken der jeweiligen Generation zu sehen und anzuerkennen? Dann hätten beide recht und könnten im besten Falle voneinander lernen.


Ehe-, Familien- und Lebensberatung
der Evangelischen Kirche Wolfsburg